Kommentar

Wie der Brüssel-Boom Probleme europäischer Kanzleien offenbart

Brexit, Regulierung, Big Tech: Der Brüssel-Boom legt strukturelle Probleme europäischer Kanzleien offen. Aktuelle Wechsel von Linklaters-Partnern zu US-Kanzleien stehen für einen Trend, der Fragen aufwirft zur US-Strategie vor allem der Magic-Circle-Kanzleien.

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Das Atomium in Brüssel. Foto: pict rider/Fotolia

Brüssel erlebt gerade die zweite große Welle des Markteintritts von US-Kanzleien nach den 1990er Jahren. Mit welcher Macht die US-Einheiten in den europäischen Markt drängen, zeigen mehrere aktuelle Personalien: Der altgediente Linklaters-Partner Christian Ahlborn wechselt zu Covington & Burling, zwei weitere Linklaters-Partner aus dem Brüsseler Büro wechseln ebenfalls zu US-Kanzleien. Die Logik hinter dem Vorstoß ist nachvollziehbar: Der Brexit hat die Bedeutung Brüssels als europäischer Hauptstadt noch verstärkt – und das dürfte auch ein Grund dafür sein, dass der Wahl-Londoner Ahlborn offiziell nach Brüssel wechselt.

Doch es gibt eine weitere Entwicklung, die Brüssel in den Fokus der US-Einheiten rückt: das wachsende Selbstbewusstsein der EU-Kommission, insbesondere bei der regulatorischen und kartellrechtlichen Einhegung der dominierenden US-Tech-Industrie. Wer in deren Heimatmarkt zu den kartellrechtlichen Stammberatern dieser finanzstarken Klientel gehört, wie etwa Cooley, wird diesen Status auf lange Sicht besser verteidigen, wenn er auch in Brüssel ein überzeugendes Angebot vorweisen kann.

Strategieberater statt Local Counsel

Auch die in den vergangenen Jahren deutlich gestiegenen Stundensätze in Brüssel bestärken US-Kanzleien darin, dort und in anderen EU-Ländern Standorte zu eröffnen – damit sie diese Mandanten zum Markteintritt und zur Verteidigung ihrer Geschäftsmodelle vor der machtvollen EU-Kommission auch strategisch begleiten können. Vor allem für die britischen Einheiten des sogenannten Magic Circle wirft die Entwicklung im Brexit-Kontext höchst unangenehme Fragen auf. Seit vielen Jahren mühen sie sich mehr schlecht als recht und mit viel Geld, in den USA wirklich Fuß zu fassen. Das Geschäft mit US-Unternehmen in Europa läuft für einige zwar weiterhin passabel.

Damit das aber so bleibt, sollten die kontinentaleuropäischen und insbesondere auch die britischen Kanzleien wie Linklaters dringend an ihren US-Strategien feilen. Denn wenn es den in Brüssel und anderswo wachsenden US-Einheiten gelingt, die strategisch-rechtliche Beratung ihrer Mandanten auch im europäischen Rechtsmarkt vollständig zu übernehmen, dann könnte die kontinentaleuropäische Konkurrenz auf eine Marktposition degradiert werden, die weit hinter ihrem Selbstverständnis zurückbleibt: die des günstigen Local Counsel für rechtliche Spezialfragen.

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