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15.01.2020

Krisenbranchen trotz Niedrigzinsen: Die wichtigsten Insolvenzverfahren 2019

Die Anzahl der großen Insolvenzen ist im Jahr 2019 deutlich gestiegen. Grund dafür war jedoch keine Konjunkturwende, sondern Krisen in einzelnen Branchen – Automobilzulieferer und Krankenhäuser waren massiv betroffen. Viele Fälle landeten allerdings außerhalb des Regelverfahrens. Die klassischen Verwalterkanzleien bekommen außerdem zu spüren, dass die EU außergerichtliche Sanierungen bevorzugen will.

Die Niedrigzinsphase hält derzeit weiter an, die deutsche Umlaufrendite als Indikator war fast während des gesamten Jahres negativ und damit auf einem rekordtiefen Jahresdurchschnitt. Entsprechend ist die Gesamtzahl der Regelverfahren immer noch niedrig. Und dies, obwohl die Zahl der größeren Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2019 wieder zugenommen hat. Die JUVE-Übersicht mit den größten Insolvenzen des Jahres 2019 verzeichnet 19 Fälle mit über 1.000 Mitarbeitern, im Vorjahr waren es nur 9.

Unter den größten zehn wurden mit Via Salus und dem Katholischen Klinikum Oberhausen allein zwei Klinikbetreiber Opfer der Konsolidierung in der Branche. Rund um den Dieselskandal gerieten Zulieferer wie Weber Automotive und die Gusswerke Saarbrücken ins Trudeln. Mit Gerry Weber war die bereits in den Vorjahren stark gebeutelte Modebranche erneut betroffen. In all diesen Fällen haben Gerichte keine klassische Fremd-, sondern eine Eigenverwaltung angeordnet.

Das wirkt sich auch auf den Beratermarkt aus, besonders für herkömmlich aufgestellte Insolvenzverwalter. Die deutsche Umsetzung des präventiven Restrukturierungsrahmens nach der EU-Richtlinie gibt ihnen möglicherweise mehr Gestaltungsmöglichkeiten – bringt aber auch mehr Unsicherheiten und Diskussionen darüber, welches Ziel die Sanierung verfolgt.

Einige profitieren, andere geraten unter Druck

Sozietäten mit bisher schon starker finanzieller Restrukturierungsberatung wie Latham & Watkins oder Kirkland & Ellis hoffen darauf, dass außergerichtliche präventive Restrukturierungen nun noch mehr zunehmen. Für die Verwalter ist das eine Herausforderung: Viele Experten für klassische gerichtliche Sanierung zielen daher auf eine Rolle als Kooperationspartner in den zu erwartenden vorinsolvenzlichen Verfahren.

Nicht ohne Grund sehen gerade die internationalen Kanzleien die präventive Restrukturierung als ihr Spielfeld. Eine internationale Komponente in der Beratung ist zwar nicht immer ausschlaggebend, aber von wachsender Bedeutung. Die nichtanwaltlichen Restrukturierungsberater wie Alix, Alvarez & Marsal oder Boston Consulting sind allesamt international aufgestellt. Zu ihnen gesellt sich hierzulande inzwischen auch der milliardenschwere US-Berater FTI, der den in Deutschland wohl marktführenden Sanierungsgutachter Andersch übernehmen will.

Die Schwäche der Kanzleien, die den Marktveränderungen zu lange zugeschaut und auf die reine Insolvenzverwaltung gesetzt haben, ist augenfällig. Sie haben im Markt auf Abgrenzung gesetzt und vor allem ihre Kontakte in die Insolvenzgerichte gepflegt – für die Eigenverwaltungsfälle die falsche Strategie.

Die Kanzlei Kübler etwa hat sich aufgeteilt, der viel bestellte Sebastian Laboga fand bei Pluta ein neues Zuhause. Zwar wachsen Pluta und nun auch SGP Schneider Geiwitz & Partner weiterhin regional Richtung Norden. Eine Stärke kann daraus jedoch erst werden, wenn die bisher autonom arbeitenden Teams stärker vernetzt sind. Neuere Insolvenzboutiquen wie Finkenhof und Elsässer haben sich um diese Vernetzung von Anfang an stark bemüht.

Die Berater der wichtigsten Insolvenzverfahren 2019 hat JUVE recherchiert und zusammengestellt. (Ludger Steckelbach)

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