Im juristischen Nachspiel um die Übernahme des Verpackungsherstellers Schur Flexibles (heute Adapa) hat der US-Private-Equity-Fonds Lindsay Goldberg einen Sieg errungen. Ein DIS-Schiedsgericht entschied nach JUVE-Informationen in einer vertraulichen Entscheidung zugunsten des US-Investors.
Die österreichische B&C-Gruppe, die das Unternehmen 2021 erworben hatte, muss demnach etwa 37 Millionen Euro an Lindsay Goldberg zahlen. Dabei handelt es sich ausschließlich um Kosten für Anwälte und Berater in dem seit vier Jahren laufenden Schiedsverfahren. Insgesamt umfasst der Streitkomplex auch Strafverfahren und Gerichtsprozesse in mehreren Ländern sowie ein Discovery-Verfahren nach Paragraf 1782 des US-Bundesrechts, deren Kosten nicht enthalten sind. Ursprünglich hatte B&C etwa 500 Millionen Euro von Lindsay Goldberg gefordert.
Vorwürfe der Bilanzmanipulation und Notverkauf
Das Schiedsverfahren war die Folge einer der spektakulärsten gescheiterten M&A-Transaktionen der jüngeren österreichischen Wirtschaftsgeschichte. Der Konflikt entzündete sich kurz nach dem Einstieg der B&C-Gruppe bei Schur Flexibles 2021. Für einen Anteil von 80 Prozent zahlte die österreichische Industrieholding damals rund 900 Millionen Euro an Lindsay Goldberg.
Doch die Hoffnungen auf eine profitable Beteiligung zerschlugen sich schnell. Nach dem Kauf gab es Untreue- und Bilanzmanipulationsvorwürfe. Daraufhin drohten die Banken, die die Akquisitionsfinanzierung bereitgestellt hatten, die Kredite fällig zu stellen und forderten eine nachhaltige Restrukturierung.
Parallel dazu eskalierte die forensische Auseinandersetzung der beiden Gesellschafter. B&C sah sich von Lindsay Goldberg getäuscht: Die Amerikaner hätten von den Problemen bei Schur Flexibles gewusst und B&C absichtlich ein faules Ei untergeschoben. Lindsay Goldberg wies diese Vorwürfe zurück. Für den Investor geht es in dem Streit nicht nur um den finanziellen Schaden aus dem Deal. Für einen Private-Equity-Investor geht es ums Ganze, wenn sich im Markt der Eindruck verfestigt, Transaktionspartner würden übers Ohr gehauen. Das erklärt neben den versenkten Millionen die große Ausdauer und Härte im Konflikt zwischen Lindsay Goldberg und B&C.
Bereits im Sommer 2022 wurden die Schur Flexibles-Anteile der beiden Gesellschafter an ein Konsortium um das US-Investmenthaus Apollo und andere Gläubiger übertragen. Damit ging ein massiver Schuldenschnitt einher: Lindsay Goldberg und B&C verloren durch den Notverkauf ihre gesamte Beteiligung, während die neuen Eigentümer frisches Kapital in Höhe von rund 150 bis 160 Millionen Euro bereitstellten.
Juristische Schlacht auf mehreren Ebenen
Mit diesem wirtschaftlichen Desaster gingen mehrere juristische Auseinandersetzungen einher, darunter das nun entschiedene Schiedsverfahren in Deutschland. Hinzu kamen Strafverfahren gegen das ehemalige Management in Österreich und Deutschland. Die B&C-Gruppe sah sich als Opfer eines Betrugsfalls und argumentierte, der Kaufpreis sei aufgrund der manipulierten Zahlen weit überhöht gewesen.
2022 erreichte B&C vor dem Amtsgericht Düsseldorf einen Arrestbeschluss (Az. 14c C 26/22). Damit wurden die Geschäftsanteile von Lindsay Goldberg an einer Portfoliogesellschaft eingefroren – was zur Blockade einer Transaktion führte, für die bereits ein Closing geplant war. Der Beschluss wurde später vom Landgericht Düsseldorf aufgehoben (Az. 24 S 1/221). Es war einer der ersten Fälle der jungen Spezialkammer für M&A-Streitigkeiten, damals unter Vorsitz von Dr. Robert Papst. Auch in Dänemark und den Niederlanden gab es Arrestverfahren.
US-Discovery mit Hindernissen
Ein weiterer Strang der Auseinandersetzung ist ein sogenannter „Section 1782“-Antrag, der es ausländischen Parteien ermöglicht, Beweismittel in den USA für ausländische Verfahren anzufordern. Schiedsverfahren sind davon allerdings seit 2022 ausgenommen. B&C beantragte die Herausgabe von internen Lindsay Goldberg-Dokumenten im Kontext der Strafverfahren gegen ehemalige Schur Flexibles-Manager.
Lindsay Goldberg wollte das verhindern, denn, so der Verdacht: In Wahrheit ging es B&C darum, sich für das Schiedsverfahren zu munitionieren – und weil Section 1782 da nicht greift, würden staatliche Verfahren vorgeschoben. Der US Court of Appeals for the Second Circuit wies diesen Einwand zurück und bestätigte, dass B&C die Unterlagen für strafrechtliche Ermittlungen in Österreich nutzen dürfe – für das deutsche Schiedsverfahren jedoch nur mit Zustimmung der österreichischen Staatsanwaltschaft (Az. 23-1014(L)).
Gutachterschlacht im Fontenay
An anderer Stelle konnte die B&C-Gruppe einen Teil des erlittenen Schadens ausgleichen. Die Holding schloss im Frühjahr 2024 Vergleiche mit einem Konsortium von W&I-Versicherern, deren Policen Garantieverletzungen beim Kauf abgesichert hatten. Insgesamt erhielt B&C 120 Millionen Euro – eine der höchsten W&I-Zahlungen im europäischen Markt nach einer fehlgeschlagenen Transaktion.
Im DIS-Schiedsverfahren ging es dem Vernehmen nach nicht nur darum, ob Lindsay Goldberg etwas über die Zustände bei dem Portfolio-Unternehmen wusste, sondern auch darum, ob die Bilanzen wirklich falsch waren. Als Anfang 2025 zwei Wochen lang im Hamburger Luxushotel Fontenay verhandelt wurde, hatten nicht nur Anwälte ihren großen Auftritt. Es wurden auch mehr als ein Dutzend Sachverständige vernommen, darunter Wirtschaftsprüfer und Forensiker.
Ursprünglich hatte nach JUVE-Informationen PricewaterhouseCoopers Schur Flexibles geprüft – und nichts beanstandet. Nach dem Deal mit Lindsay Goldberg schauten sich unter anderem Deloitte und KPMG sowie Sanierungsspezialisten von Alvarez & Marsal und FTI Consulting die Sache im Auftrag von B&C noch einmal an. Diese kamen zu dem Ergebnis, dass die Bilanzen gefälscht waren. Aufseiten von Lindsay Goldberg prüfte dem Vernehmen nach ein Team um Kai Schumacher von AlixPartners die Vorwürfe – und konnte, so lässt sich das Ergebnis des Schiedsverfahrens interpretieren, viele davon entkräften.
Das hohe Klagevolumen von etwa einer halben Milliarde Euro ergibt sich aus Verlusten, die B&C unter anderem durch den verlorenen Kaufpreis entstanden sind. Dass Lindsay Goldberg nun nichts bezahlen muss und sogar noch die hohe Summe von 37 Millionen Euro an Kosten zugesprochen bekommt, ist sehr ungewöhnlich. Beide beteiligten Parteien haben sich auf JUVE-Anfrage nicht zu dem Verfahren geäußert.
Die Vertreter im Überblick
Vertreter B&C
Hanefeld (Hamburg): Dr. Inka Hanefeld, Prof. Dr. Nils Schmidt-Ahrendts
Vertreter Lindsay Goldberg
Latham & Watkins: Dr. Christoph Baus (Hamburg), Dr. Anne Löhner (München; beide Konfliktlösung), Prof. Dr. Thomas Grützner (Strafrecht; München), Frank Grell (Insolvenzrecht; Hamburg)
DIS-Schiedsgericht
Prof. Dr. Antje Baumann (Baumann Resolving Disputes; Vorsitzende)
Prof. Dr. Maxi Scherer (ArbBoutique; von B&C benannt)
Dr. Daniel Busse (Busse Disputes; von Lindsay Goldberg benannt)
Hintergrund: Alle Beteiligten sind aus dem Markt bekannt.
Das DIS-Verfahren ist Teil eines Gesamtstreitkomplexes, der Gerichtsprozesse in mehreren Ländern, ein US-Discovery-Verfahren sowie Strafverfahren in Österreich und Deutschland umfasst.
In der umstrittenen Transaktion von 2021 hatte ein Freshfields-Team um den Private-Equity-Partner Dr. Arend von Riegen Lindsay Goldberg beraten. Freshfields war in Gestalt des Litigation Partners Dr. Roman Mallmann auch an den Auseinandersetzungen anfangs noch aufseiten des Investors beteiligt, etwa in dem Arrestverfahren vor dem LG Düsseldorf 2022. Seitdem vertritt ein großes Latham-Team um Baus und Löhner Lindsay Goldberg allein. In unterschiedlichen Phasen des Komplexes kamen weitere Partner hinzu, etwa Restrukturierungsexperte Grell und der Compliance-Spezialist Grützner.
Restrukturierung mit Milbank und Sidley
Die kreditgebergeführte finanzielle Restrukturierung von Schur 2022, in deren Zuge das Unternehmen auf Apollo überging, begleitete aufseiten der Kreditgeber ein Milbank-Team um Dr. Mathias Eisen (Frankfurt), Karen McMaster (seit 2024 A&O Shearman) und Yushan Ng (beide London). Schur Flexibles selbst setzte damals auf Kolja von Bismarck von Sidley Austin, der seit Ende 2024 Partner bei Clifford Chance ist. Medienberichten vom Sommer 2025 zufolge verhandelte Schur Flexibles erneut über eine Umstrukturierung seiner Schulden, erneut mit Sidley Austin an seiner Seite.
Im Schiedsverfahren selbst hat es im Lager der Klägerin B&C nach JUVE-Informationen einen Wechsel gegeben: Zu Beginn lag die Verfahrensführung bei den Allen & Overy-Partnern Anna Masser und Jan Windhorst. Allen & Overy gehörte zu den Kanzleien, die B&C bereits zum Einstieg bei Schur beraten hatten. Später übernahm nach JUVE-Informationen Hanefeld. Ein Kanzleiwechsel in einem so großen Schiedsverfahren ist ungewöhnlich. JUVE-Anfragen zu den Hintergründen blieben unbeantwortet.
Windthorst und Masser, die seit einigen Monaten in eigener Kanzlei tätig ist, haben mit dem Latham-Team nahezu parallel in einem wichtigen Verfahren vor dem US Supreme Court die Klingen gekreuzt. Ein Streit zwischen ZF Friedrichshafen (Latham) und Luxshare (Allen & Overy) lag dem Urteil von 2022 zugrunde, dass Schiedsverfahren von der US-Discovery nach Paragraf 1782 ausgenommen sind. Diese Grundsatzentscheidung spielte im DIS-Verfahren zwischen B&C und Lindsay Goldberg nun wieder eine Rolle.
Für die beschuldigten Ex-Manager sind unter anderem die österreichischen Strafrechtler Simone Petsche-Demmel (Petsche-Demmel Pollack) und Dr. Lukas Kollmann (Kollmann Wolm) im Einsatz.
Das Schiedstribunal setzt sich zusammen aus einigen der renommiertesten deutschen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Die in London ansässige Maxi Scherer (von B&C benannt) hat sich 2024 nach 20 Jahren bei WilmerHale mit der Kanzlei ArbBoutique selbstständig gemacht. Ihre Gründungspartnerin Niuscha Bassiri ist seit Kurzem Teil des DIS-Vorstands.
Der von Lindsay Goldberg benannte Daniel Busse war Anna Massers Vorgänger als Leiter der deutschen Schiedspraxis von Allen & Overy. Er hat 2019 die Boutique Busse Disputes gegründet. Die Vorsitzende Antje Baumann stand unter anderem auch an der Spitze des Tribunals, das bis 2023 das große Schiedsverfahren zur Pkw-Maut führte.