UNTERNEHMEN: IN DER MITTE ANGEKOMMEN

Rechtsabteilungen werden im Jahr 2030 als Risikomanager eine zentrale Bedeutung in Unternehmen haben. Doch die Standardisierung von Aufgaben geht auch hier weiter. Interdisziplinäres Arbeiten wird selbstverständlich sein.

Im Jahr 2030…

….haben 80% der General Counsel in großen und mittelgroßen Unternehmen eine rechtliche Risikoanalyse in ihrem Unternehmen angestoßen. Personal und Prozesse sind darauf optimiert, die Rechtsabteilungen personell gewachsen, aber der Anteil der Volljuristen liegt bei nur noch knapp 50%.

DHB20/21_Mehr Vielfalt_SecondeesBosch hat es getan, Vaillant auch, Siemens Healthineers direkt beim Start, die Deutsche Telekom, um nach einem Stellenabbau richtig aufgestellt zu sein: eine Legal-Risk-Analyse. Und die KfW hätte den Corona-Ansturm kaum so beeindruckend bewältigt, wenn sie nicht zuvor schon die Struktur der Rechtsabteilung nach einer Bedarfs- und Prozessanalyse angepasst hätte. Nicht immer ist, wie bei Bosch, eine Einstellungsoffensive bei Volljuristen die Folge einer solchen Analyse. Häufiger geht es um Priorisierung oder die Identifikation von Standardisierungspotenzial. Beides wird in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen, denn es wird weiterhin ein Missverhältnis zwischen Kapazitäten und Bedarf bestehen.

Dabei wird die Erkenntnis wachsen, dass Volljuristen nicht immer die beste Lösung sind. Schon 2020 beschäftigen Rechtsteams in Deutschland im Schnitt neben elf Volljuristen insgesamt acht Mitarbeiter anderer Qualifikation.

Letzteres wird 2030 selbstverständlich sein: IT-Experten, Supply-Chain-Manager, Pricing-Experten und Organisationsspezialisten werden in der Rechtsabteilung mitarbeiten. Das führt zu mehr Effizienz und damit im Ergebnis dazu, dass die Zahl der benötigten Volljuristen nicht mehr relevant steigt, solange sich das Unternehmen als Ganzes nicht verändert.

…sind Corporate Social Responsibility (CSR) und Umweltrecht selbstverständliche Aufgaben der Rechtsabteilungen.

2020 teilen sich die Aufgaben der Rechtsabteilung grob in zwei Felder: Die Beratung im operativen Geschäft und die strategische Beratung, meist auf M&A, Kartell- und Gesellschaftsrecht ausgerichtet. Letzteres wird sich 2030 erweitert haben auf eine Art rechtliches Wertemanagement, angesiedelt – wie schon heute bei Environment, Health & Safety (EHS)-Themen – zwischen Recht und Compliance.

Zwei Faktoren zwingen dazu, CSR auch im Bereich Rechtsrisiken anzusiedeln. Zu der weltweit zunehmenden Regelungsdichte (> Werte der Zukunft Seite 49) kommt eine veränderte gesellschaftliche Haltung, die Reputationsschäden nach sich zieht. Zu beobachten war dies zuletzt in der Autoindustrie wegen ihrer Abgastricksereien, in der Bekleidungsindustrie wegen ihrer Produktionsbedingungen im Ausland oder bei Zalando wegen Rassismus-Vorwürfen. Nachhaltigkeitsgesichtspunkte werden das Investitionsverhalten privater Geldgeber und die Vergabepolitik der öffentlichen Hand verändern. Entsprechend werden sie zu Risikofaktoren, die rechtlich gesteuert werden müssen.

…sitzen in mehr als der Hälfte der Dax- und MDax-Unternehmen wieder Juristen mit eigenem Rechts- und  Complianceressort  im Vorstand.

DHB20/21_Mehr Vielfalt_ProjektjuristenSteigende Rechtsrisiken und eine immer engmaschigere Regulierung sorgen dafür, dass das Rechtsressort nicht mehr ,nebenbei‘ vom Vorstandschef oder dem Finanzvorstand mitverwaltet werden kann. Lufthansa berief zum Jahresanfang 2020 den einstigen General Counsel Dr. Michael Niggemann als Vorstand für Personal und Recht. Fresenius blieb ihrer Linie treu: Dort rückt Dr. Sebastian Biedenkopf, General Counsel von Bosch, für Prof. Dr. Jürgen Götz nach. Situationsbedingt holte im Mai 2020 Wirecard den erfahrenen US-Compliance-Manager James Freis als Vorstand für ,Integrity, Legal and Compliance‘. Zu spät zwar, aber so stand, als der Sturm losbrach, jemand ohne Vorbelastung bereit. Und bei Innogy rückte für die Konzernumbauten Dr. Christoph Radke zum Vorstand Recht & Compliance, Einkauf und erneuerbare Energien auf.

Dass die Deutsche Telekom und Thyssenkrupp ihre bisherigen Rechtsvorstände nach deren Ausscheiden nicht ersetzten, mag einen gegenläufigen Trend andeuten, doch beide Unternehmen verfügen über erfahrene General Counsel und werteten deren Positionen auf.

…evaluieren 35% der Rechtsabteilungen regelmäßig und umfassend die Leistung und Arbeitsweise der Anwaltskanzleien, 99% haben eine vollständige Kostenübersicht.

Schon im Jahr 2020 ist unverkennbar, dass die Rechtsabteilungen das Preis-Leistungs-Verhältnis ihrer Kanzleien genauer bewerten – egal ob sie dies unter der Überschrift Legal Operations tun oder nicht.

Allerdings geht nach der JUVE Inhouse-Umfrage nur rund ein Zehntel dabei strukturiert vor, die meisten verlassen sich (noch) auf mehr oder weniger formelle Gespräche im Rechtsteam. In den kommenden Jahren wird diese Bewertung aber immer differenzierter werden und sie wird sich an definierten Standards messen. In den USA wird schon lange bei großen Konzernen nahezu alles geregelt, seien es Berichtspflichten, Abrechnungsmodalitäten oder die IT-­Sicherheit.

Beim Thema Kostenübersicht sind viele Unternehmen in Deutschland schon 2020 recht weit, auch weil es bereits passende Software gibt. Doch es geht rasant weiter: Thyssenkrupp arbeitet an einem umfassenden Bewertungs-Tool, ebenso Freudenberg. BASF sammelt strukturiert Feedback zu Qualität, Pünktlichkeit, Responsiveness und Diversity und zur Qualität der kanzleiinternen Vernetzung. All diese Erkenntnisse werden es erlauben, den Kanzleien vorab dezidierte Vorgaben zu  machen.

 

…mandatieren Rechtsabteilungen differenzierter und bedarfsorientiert.

Was sich 2020 beispielsweise darin zeigte, dass Bayer beim Verkauf der Tiermedizinsparte in unterschiedlichen Rollen Sullivan & Cromwell und PricewaterhouseCoopers Legal beauftragte, ist 2030 der Regelfall. Kanzleien unterschiedlicher Ausrichtung und Honorarstruktur werden neben alternativen Anbietern, Legal-Tech-Unternehmen und eigenen Unternehmensjuristenteams auf Basis einer datengestützten Analyse differenziert eingesetzt. Das senkt die Ausgaben für Rechtsabteilungen und stellt das Geschäftsmodell mancher Kanzleien vor eine schwere Probe.

…vergeben Unternehmen 60% der Mandate auf Festpreisbasis und im Ausland 80% ihrer operativen Beratung an alternative Anbieter.

DHB20/21_Mehr Vielfalt_RechtsdienstleisterDer Frontalangriff auf den Stundensatz ist eine direkte Folge besserer Evaluierung der Beraterleistung und einer größeren Vielfalt im Beratermarkt. Schon 2020 rechnet BASF nur noch die Hälfte der eingekauften Beraterleistung auf Basis eines Stundensatzes ab – und diese Tendenz wird sich bundesweit verstärken. Ein Viertel der Rechtsabteilungsleiter steht laut JUVE-Inhouse-Umfrage schon heute alternativen Dienstleistern positiv gegenüber, die ihre Leistungen anders bepreisen. In den kommenden Jahren wird das Outsourcing von Standardleistungen zur Normalität werden. 2030 wird Dauerberatung vermutlich im monatlichen Abo zu erwerben sein.

Je mehr Unternehmen künftig Erfahrungen mit Anbietern wie Thompson Reuters, digitalen Start-ups oder den WP-Kanzleien sammeln, desto besser werden diese erkennen, welche Marktsegmente sie besonders lukrativ besetzen können und ihren Einflussbereich ausdehnen. Die gegenwärtige Skepsis wird in vielen Unternehmen einer sachlichen, ökonomisch getriebenen Auswahl weichen.

Internationale Kombinationen wie die Übernahme von Riverview durch EY oder der Zusammenschluss des IP-Dienstleisters CPA Global mit dem Informationsdienstleister Clarivate zeigen, wohin die Reise im Markt geht.

…nutzen 90% der Rechtsabteilungen regelmäßig Projektanwälte.

2020 sind Rechtsabteilungen noch zurückhaltend, wenn es darum geht sich mit Zeit-Juristen von Drittanbietern zu verstärken. Sie bevorzugen bei Bedarf Secondees aus Anwaltskanzleien. Eine prinzipielle Ablehnung gibt es aber nicht. 37% stehen dem Modell Projektanwalt laut JUVE Inhouse-Umfrage grundsätzlich positiv gegenüber.

Der Markt wird sich 2030 anders sortiert haben und vielfältiger sein als heute. In diesem Jahr haben sich zwar die Pioniere Axiom und Lawyers on Demand verkleinert oder aus dem deutschen Markt zurückgezogen, doch Centurion Plus stieg ein. Vor allem aber Pinsent Masons baute aus. Die Kanzlei übernahm nicht nur ein Team von Lawyers on Demand, sondern auch den Service- und Personaldienstleister Xenion. Perconex ist in Deutschland ohnehin längst etabliert und Axiom zählt schon lange nicht mehr nur internationale Konzerne zu seinen Kunden.

…. ist der Anteil der Ermittlungsspezialisten und Forensiker in Compliance-Abteilungen in Deutschland deutlich gestiegen.

Nachdem das deutsche Unternehmensstrafrecht und die EU-Sammelklage bis dahin schließlich doch noch in Kraft getreten sind, müssen die Unternehmen reagieren. Zwar bleibt die Prävention der Königsweg der Compliance, doch es ist viel wichtiger als heute für potenzielle Ernstfälle gerüstet zu sein. Verdachtsfällen wird viel früher und viel konsequenter nachgegangen, um Massenklagen und empfindliche Unternehmensstrafen zu vermeiden. Die Dieselaffäre war nur der Auftakt.

…sind die ersten angesehenen Unternehmensjuristen auf Führungspositionen in internationalen Kanzleien gewechselt.

Zwar haben schon heute internationale Kanzleien wie Clifford Chance einen General Counsel, doch wird eine solche Position 2030 viel weiter verbreitet und attraktiver sein, Rechtsabteilungen werden entstehen. Geschuldet ist dies vor allem einer veränderten Struktur der Kanzleien. Bis 2030 sind noch mehr von ihnen in die Gewerblichkeit gewechselt, unterhalten Töchter und bieten neben klassischer Rechtsberatung auch Services rund um Personal, Unternehmensberatung oder Legal-IT an. Als ,normale‘ Unternehmen benötigen sie ein vergleichbares rechtliches Risikomanagement.

…wird darüber diskutiert, den Status des Syndikusrechtsanwalts neu zu definieren, weil die Hauptaufgabe der Unternehmensjuristen das weiter gefasste Risikomanagement ist.

Ausgehend von den noch Jahre andauernden Streitigkeiten um die Definition eines Syndikusrechtsanwalts und der Frage, was unter anwaltlicher Tätigkeit zu fassen ist, wird sich 2030 die Grundlage für diese Debatte deutlich verändert haben. Die Liberalisierung bei der Arbeit niedergelassener Anwälte wird sich zwangsläufig auf die Einordnung der Syndizi durchschlagen. Die fortschreitende Gewerblichkeit der Kanzleien, das sich diversifizierende Serviceangebot, die Zulassung von Fremdkapital und die Einstellung professioneller Manager werden am Ende , ­ aber vermutlich noch nicht 2030, dazu führen, dass es keine sachlichen Gründe mehr gibt, um zwischen Syndizi und niedergelassenen Rechtsanwälten zu differenzieren. Anwalt ist dann Anwalt – nur etwas anders als heute.

Weitere 10 Thesen für den Rechtsmarkt 2030 finden Sie hier.

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